Wissenswertes · Der Geschmack sitzt in der Nase

Warum schmeckt Erdbeere nach Erdbeere?

Ein Bissen — und im Kopf: „Erdbeere“. Aber deine Zunge kann das gar nicht schmecken. Sie kennt nur fünf Dinge. Alles andere — das Fruchtige, das Blumige, das Röstige — riecht deine Nase, von innen. Und ob dieser Duft aus der Frucht kommt oder aus dem Labor, ist eine erstaunlich verzwickte Frage. Kurze Denkpause gefällig?

Frische Erdbeere, aus der ein eisig-kristalliner Aromastrom in ein Labor mit Kolben und Kristallen zieht

Quellen & Grundlagen

  • EU-Aromenverordnung (EG) Nr. 1334/2008 — gilt seit 20. Januar 2011; Definition von „Aroma“ und „natürliches Aroma“, 95 %-Regel bei Nennung des Ausgangsstoffs, Wegfall von „naturidentisch“ und „künstlich“
  • EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) — Sicherheitsbewertung von Aromastoffen und Raucharomen; Positivliste zulässiger Aromastoffe
  • BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung) — Cumarin in Zimt und Waldmeister; Blausäure aus Amygdalin in bitteren Aprikosenkernen und Bittermandeln
  • Verbraucherzentrale — Einordnung der Aroma-Kennzeichnung, „natürliches Aroma“ aus anderen Ausgangsstoffen, Clean-Label-Kritik
  • Bitterwahrnehmung & Genetik — rund 25 funktionsfähige Bitterrezeptor-Gene (TAS2R) beim Menschen gegenüber einem Rezeptortyp für süß; Varianten von TAS2R38 bestimmen die Empfindlichkeit für bestimmte Bitterstoffe; Zusammenhang zwischen Genotyp und tatsächlichem Gemüseverzehr in Studien uneinheitlich; wiederholte Exposition senkt Ablehnung
  • Aromafreisetzung aus Fett — Lipophilie der meisten Duftstoffe; Fett als Reservoir mit verzögerter Freisetzung; verändertes Freisetzungsprofil bei Fettreduktion und daraus folgende Rezepturanpassung von Aromen
  • Temperatur & Wahrnehmung — Flüchtigkeit von Aromastoffen steigt mit der Temperatur; Temperaturabhängigkeit der Süßempfindung über den Ionenkanal TRPM5
  • Fraunhofer-Institut für Bauphysik — Kabinenversuche zu Luftfeuchte und Druck: gedämpfte Wahrnehmung von süß und salzig, herzhaft (Umami) weitgehend erhalten; ergänzend Untersuchungen zum Einfluss von Dauerlärm
  • Geosmin — Bildung durch Bodenbakterien (Streptomyces) und Cyanobakterien; sehr niedrige menschliche Wahrnehmungsschwelle im Bereich weniger Nanogramm pro Liter; erdige Note in Roter Bete, modriger Fehlgeruch in Wasser und Zuchtfisch
  • Grüne Blattdüfte — cis-3-Hexenal und Blattalkohol entstehen bei Zellverletzung enzymatisch aus mehrfach ungesättigten Fettsäuren der Blattmembran; Funktion als Wundsignal und in der Kommunikation zwischen Pflanzen
  • Sinnes- und Riechforschung — fünf Grundgeschmäcker, retronasales Riechen, Anteil des Geruchssinns am Geschmackserlebnis, trigeminale Wahrnehmung (Schärfe, Kühle, Prickeln)
  • DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) — pflanzenbetonte Ernährung, Nährstoffe im vollen Lebensmittel
  • Maillard-Reaktion — Bräunungs- und Röstaromen aus Aminosäuren und Zucker beim Erhitzen; Grundlage von Braten-, Brot- und Röstaroma
  • Röst- und Backaromen — Kaffee- und Krustenduft entstehen erst beim Rösten und Backen; Leitduftstoff frischer Kruste ist 2-Acetyl-1-pyrrolin (auch in Popcorn und Basmatireis); Koffein selbst ist geruchlos
  • Fischaroma & Frische — strenger „fischiger“ Geruch durch Trimethylamin beim Abbau von Trimethylaminoxid (Frische-Marker); herzhafter Geschmack (Umami) über Inosinat; Algen als pflanzliche Quelle für den herzhaften Meer-Geschmack (Umami)
  • Stinkekäse / Rotschmiere — Oberflächenreifung durch Brevibacterium linens; Schwefelverbindungen (Methanthiol) und Fettsäuren (Isovaleriansäure, Buttersäure); enge Verwandtschaft zu Hautbakterien, Isovaleriansäure auch für Fußgeruch verantwortlich
  • Ziegenkäse — typische „ziegige“ Note durch die Fettsäuren Capron-, Capryl- und Caprinsäure (nach lateinisch capra = Ziege benannt); dieselben Fettsäuren kommen auch in Kokos- und Palmöl vor
  • Wurst & Pökeln — typischer Wurstgeschmack durch Gewürze, Salz, Nitritpökelsalz (Umrötung, rosa Farbe) und Rauch; reines gekochtes Fleisch schmeckt vergleichsweise mild
  • Grundgeschmäcker — angeborene Vorliebe für Süß (Energiesignal); Salz als Geschmacksverstärker, der Bitterkeit dämpft und andere Aromen hebt
  • Aromen der Weltküchen — charakteristische Gewürz- und Kräuter-Leitstoffe (u. a. Cuminaldehyd in Kreuzkümmel, Eugenol in Nelke, Citral in Zitronengras, Citronellal in Kaffernlimette, Gingerol in Ingwer); fettlösliche Aromastoffe, die beim Rösten in Fett (Tadka) freigesetzt werden
  • EFSA & BfR — Acrylamid — Bildung bei der Maillard-Reaktion in stärkehaltigen Lebensmitteln über etwa 120 °C; Einstufung als möglicherweise krebserregend; EU-Minimierungsregeln seit 2018; Faustregel „Vergolden statt verkohlen“
  • Farbe & Geschmackswahrnehmung — Morrot, Brochet & Dubourdieu, Brain and Language 2001: rot gefärbter Weißwein wurde von 54 Önologie-Studierenden mit Rotwein-Vokabular beschrieben; visuelle Information überstimmt die Geruchswahrnehmung
  • Farbstoff-Warnhinweis — Verordnung (EG) Nr. 1333/2008, Artikel 24 und Anhang V: Pflichthinweis „Kann Aktivität und Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen“ für E 102, E 104, E 110, E 122, E 124, E 129 seit 20. Juli 2010; Auslöser war die Southampton-Studie (McCann u.a. 2007), die EFSA und BfR als nicht beweiskräftig einstuften
  • Glutaminsäure und Glutamate (E 620–625) — EFSA-Neubewertung 2017: Gruppen-Wert von 30 mg je kg Körpergewicht und Tag, abgeleitet aus Tierstudien, da die Humandaten keine Dosis-Wirkungs-Beziehung hergaben; BfR-Bewertung 2023; Kopfschmerzen ab etwa 85 mg/kg beschrieben
  • Süßstoffe & Zuckeralkohole — Süßkraft im Vergleich zu Zucker; EFSA-Zulassungsbewertungen; Zuckeralkohole abführend in größeren Mengen
  • Lebensmitteltechnik & Produktentwicklung — Glückspunkt aus Fett, Zucker und Salz; Zusatz von Aroma und Glutamat als Ausgleich für verarbeitungsbedingten Aromaverlust
  • Bitter-Unterdrückung durch Salz — Natriumionen dämpfen die Bitterwahrnehmung stärker, als sie Süße verstärken (Breslin & Beauchamp, Nature 1997)
  • Umami-Synergie — überadditive Wirkung von Glutamat mit den Nukleotiden Inosinat und Guanylat; Erklärung über die Bindungsstelle des Rezeptors T1R1/T1R3
  • Kokumi — Gamma-Glutamyl-Peptide und Glutathion wirken am Calcium-sensitiven Rezeptor der Geschmackszellen und verlängern vorhandene Geschmäcke (Ohsu u. a., J Biol Chem 2010)
  • Kohlensäure-Prickeln — Carboanhydrase IV auf den Geschmackszellen erzeugt aus gelöstem CO₂ Kohlensäure; Hemmung des Enzyms hebt das Prickeln auf (Chandrashekar u. a., Science 2009)
  • Geschmacksumkehr — Cynarin und Chlorogensäure der Artischocke (Bartoshuk u. a., Science 1972); Miraculin der Wunderbeere aktiviert den Süßrezeptor im sauren Milieu (Koizumi u. a., PNAS 2011)
  • Natriumlaurylsulfat — Schaumbildner in Zahnpasta; dämpft die Süßwahrnehmung und lässt Säure und Bitterkeit hervortreten
  • Multisensorische Wahrnehmung — Einfluss von Kaugeräusch, Farbe und Geschirrgewicht auf die Bewertung von Speisen (Zampini & Spence 2004 und Folgearbeiten)
  • Sinnesspezifische Sättigung — abnehmende Genussbewertung für denselben Geschmack bei fortbestehendem Appetit auf andere (Rolls u. a. 1981)
  • Adstringenz — Fällung speichelbindender Proteine durch Tannine; Abmilderung durch Protein und Fett
  • Aufgewärmtes — Fettoxidation als Ursache der typischen Fehlnote (in der Fleischforschung als warmed-over flavour beschrieben); Retrogradation der Stärke und Bildung resistenter Stärke beim Abkühlen
  • Knoblauch & Spargel — Ausatmung von Allylmethylsulfid über die Lunge und Bindung durch Polyphenole (Munch & Barringer 2014); genetische Unterschiede in der Wahrnehmung des Spargelgeruchs (Markt u. a., BMJ 2016)
  • Kala Namak (Schwarzsalz) — schwefelhaltiges Salz; erzeugt in der pflanzlichen Küche die typische Ei-Note

Allgemeine, neutral gehaltene Informationen auf Basis wissenschaftlicher Quellen und geltender Kennzeichnungsvorschriften — keine individuelle medizinische Beratung. Bei Unverträglichkeiten, Allergien oder Erkrankungen bitte ärztlich abklären lassen.